
Hauptseite: Hirschau
Noch heute zeigt der ererbte Chodencharakter alle Vorzüge wie auch die Mängel der tapferen „Hundsköpfe“. Weder Schule noch Vereine, weder Politik noch Zeitungen – nichts von dem, was bei uns sonst das nationale Gepräge zerstört – haben ihn bisher auszulöschen vermocht. Die Choden misstrauen heute wie vor Jahrhunderten den „Herren“, sie prozessieren und zanken gern untereinander wie auch mit anderen, sie arbeiten und sparen, um das Dreifache zu haben, und sie lächeln listig und bauernschlau, wenn etwa von Flurbereinigung oder Wiesenentwässerung die Rede ist. Dann vergessen sie nie, eigennützig zu fragen: »Ha, wia vüa genga ma’ denn do kriang vom Staat an Zuschuss? Wanns uns nix kost’, warum net? Probiern derfa ma’s jo!«
Handelsgeist aber besitzen sie nicht, und sie haben ihn nie besessen, nicht einmal soviel wie unter einen Fingernagel passt. Sie sehen nicht weiter als bis zur Nasenspitze, und opfern sie nach langen Beratungen einmal eine Krone für ein gewerbliches Unternehmen, so erwarten sie, dass es ihnen binnen eines Jahres mindestens zwei einträgt. Deshalb ist unter ihnen nie ein heller Kopf aufgestanden, der die natürlichen Reichtümer und die Wasserkraft, die diese sonst wirtschaftlich arme Gegend reichlich bietet, hätte zu nutzen gewusst. Und wenn eine fremde Hand wenigstens ein bescheidenes Pflänzchen von Fabrik oder Gewerbe hier anpflanzte, so welkte dieses Pflänzchen dahin, bis es vollends verdorrte …
Am längsten hielt sich hier noch die Glasindustrie, die die geizigen Herren von Schwamberg schon im 16. Jahrhundert bei uns eingeführt hatten, wohl nur, damit sie im 19. Jahrhundert nach Staňkov abwandern konnte. In weit kürzerer Zeit erlosch der Hochofen und verstummten die lomikarischen Hammerwerke auf Pec und in Chodenburg. Die Spinnerei- und Weberei-Manufaktur der Stadions wurde von der Textilfabrik in Neugedein zugrunde gerichtet. Die keramische Industrie in Klentsch darbt heute kümmerlich dahin, und die glanzvolle Zeit unserer „Majolika-Töpfer“ gehört unwiderruflich der Vergangenheit. Nur eifrige Antiquitätensammler und die Museen bewahren eifersüchtig in ihren Sammlungen einige Stücke der „Klentscher Majolika“.
Eine Zeitlang schien es, als ob die „Bortenmacher“ und später das „Leinwandgewerbe“ dem Chodenland ein Tor zur Welt öffnen würden. Viele Leute aus Possigkau gingen „ins Land“, trugen ins Erzgebirge, besonders nach Graslitz, Borten, die zur Herstellung von Blechblasinstrumenten benötigt wurden, andere kauften grobe Leinwand, so wie sie der Weber vom Webstuhl nahm, bleichten sie, plätteten sie und brachten sie auf den Markt. Als aber in Klentsch der alte Josífek und in Possigkau der Kantůrek starben, nahm sich niemand mehr des verwaisten „Tratar“ und der Putten an. Aus dem Erzgebirge wanderte zu uns die Spitzenklöppelei ein, mit der sich heute eine Reihe von Frauen und Mädchen ernähren, deren Männer und Väter mit dem Maurerranzen auf dem Rücken Jahr für Jahr in die weite Welt ziehen, um die Paläste fremden Wohlstands zu bauen.
Der Schneider mit dem Schuster und der Schmied mit dem Wagner waren einst im Chodenland die einzigen Handwerker einheimischer Herkunft. Schon der Bäcker, Tischler, Fleischer und Wirt kamen von anderswo, und alles übrige ehrbare Handwerk siedelte die gnädige Herrschaft an, zum Beispiel in Klentsch, und zwar nur aus deutschen Landen. Den Kleinhandel ergriffen dann leicht die Juden, die in der nahen Schutzstadt Ronšperk ihren Sitz hatten. Sie zogen mit Rücksäcken durchs Land, setzten Fenster ein, verliehen Geld, kauften und verkauften alles Mögliche – Getreide, Vieh, Knochen und Lumpen, aber auch Seidentücher und Schürzen, ja sogar Rosenkränze, Kruzifixe und Heiligenbilder …
Etwa in den vierziger Jahren des vorigen Jahrhunderts handelten sie vor allem mit Federn. Der Stolz einer ordentlichen Chodenbäuerin sind noch heute ihre Federbetten. Bis zur Decke aufgeschichtete Betten bildeten den Hauptschmuck der Bauernstube, und jede Chodenbraut muss in ihrer Aussteuer wenigstens „für drei Betten ein Aussteuerstück“ besitzen. Deshalb sagt man bei uns: »Wo Mädla aufwachsn, do wachsn a Gänsla.« Es ist daher keine Seltenheit, wenn eine Bäuerin bei uns eine Gänseschar von zwanzig oder dreißig Hälsen hält, und es kostete viel Mühe, bis die Eltern begriffen, dass auch die Gänsehüter die Schule besuchen müssen. Federbetten werden fortwährend neu gestopft, und die alten, plattgelegenen Federn verkauft man. Dieses „Gänse“-Einkommen gehört den Frauen, und der Bauer kümmert sich überhaupt nicht darum. Leider vermochte auch diesen Handel das Chodenland nicht zu beherrschen, sondern die erzeugte Ware ging nach Hirschau und Neumark, wo besonders der reiche Federhändler, der Deutsche Andreas Schmidtpeter, gerupfte wie ungerupfte Federn weithin aufkaufte. Seine jüdischen Agenten durchstreiften nicht nur die nähere Umgebung des Böhmerwaldes, sondern zogen bis nach Polen und Ungarn und brachten Federn nicht nur von Gänsen, sondern auch von Enten, Truthühnern und Hühnern, schmutzig, blutig vom Schlachten, verklebt und verklumpt. Diese wurden dann in riesigen Federstuben gereinigt, gerupft und sortiert und hauptsächlich nach Deutschland und Frankreich versandt.
Das böhmische Gefieder war freilich das begehrteste und wurde auch am besten bezahlt. Aus jener Zeit stammt die Geschichte, die ich erzählen will.
Im Jahre 1842 brannte die große Hafenstadt Hamburg nieder. Drei Tage und drei Nächte, vom 5. bis zum 8. Mai, stand das alte, freie, hansische Nest in Flammen. Es brannte mitten im Wasser zwischen der Elbmündung und dem Seehafen, und fast fünftausend Häuser fielen der Asche anheim. In Klentsch meinte man, man sehe das Nordlicht, lief vor die Häuser auf den Hügel und staunte, als sich herausstellte, dass man die rote Glut des Hamburger Brandes erblickte.
Dort verbrannte auch Schmidtpeters beinahe leerer Federspeicher. Der schlaue Händler aber beklagte den Verlust nicht. Er begriff, dass er zehnmal so viel verdienen würde, wie der Schaden ausmachte, wenn es ihm nur gelang, all die Bestellungen zu erledigen, die jetzt aus Hamburg auf ihn einstürmen würden.
Er rief sofort alle seine Aufkäufer zusammen, erhöhte ihnen den Preis um ein ganzes Prozent, und die Juden, als hätte sie die Peitsche getroffen, liefen und fuhren hinaus in die Welt. Der alte Aron aus Ronsperg, den man „Hušedla“ nannte, weil er sich immer die Hände rieb, fröstelnd zitterte und klagte: „Hušedla, Hušedla, es is so kalt, dass ma’ s’ Herz zerspringa könnt’“, konnte sich freilich nicht mehr weit hinauswagen. Doch schickte er seinen Sohn Jakob mit vielen guten Ratschlägen nach Polen und behielt sich selbst die nächste Umgebung.
Im Maiglanze stand unser ganzes Land. Hinter den Bauernhöfen leuchteten die Obstbäume, Birnen- und Kirschbäume in Weiß und Rot, auf den Wiesen gelbten die Löwenzähne mit den Dotterblumen, Vergissmeinnicht säumten in Blau jedes Bächlein, und auf dem „Gänseplatz“ spielten die Gänse im Sonnenschein, die Mütter mit Scharen von Küken.
Hušedla aber kümmerte sich nicht um Maienglanz und Duft, sondern musterte mit scharfem, erfahrenem Blick bei jedem Dorf den hoffnungsvollen Gänsenachwuchs und schätzte mit Kennerauge, welche Herde zuerst zur ersten Rupfung reif sei. Er wusste, dass die ersten Federn der Gans, das sogenannte „Gösselgefieder“, die Bäuerinnen nicht mochten und es schnell verkauften, weil es grob, voller „Kiele“ und wenig elastisch sei. Innerhalb vierzehn Tagen hatte der alte Hušedla die ganze Ware rings um Ronsperg im Umkreis von drei Stunden Wegs in tschechischen wie in deutschen Dörfern abgeschätzt, sodass er dann, wohin er auch mit der riesigen Leinentasche auf dem Rücken und der falschen Waage in der Tasche kam, niemals vergeblich ging.
Die Häuslerin Jarošíková stampfte gerade auf der Schwelle im Holzbottich Kartoffeln. Sie mischte sie mit Spreu und dachte dabei an ihre Gänse. Die Sonne schaute sie über den Giebel des Nachbarhauses an, die Hühner stahlen ihr die Knödelchen unter der Hand, im Holzverschlag witterte das Schweinchen den Duft der dampfenden Spreu und drängte mit aller Macht hinaus.
„Gott zum Gruaß, Panimamo!“ tönte es hinter der Frau.
„Dy wann scho’ der Herrgott hilft, Hušedla. Wia komm’n S’ denn da her auf’n späten Abend?“ antwortete Jarošíková, ohne sich von ihrer wichtigen Arbeit zu erheben. Sie hatte den Ronsperger Aron an der Rede erkannt.
„Naa! I geh für mei’ Brot, und wie i so geh’, denk i ma’: Schau, Aron, geh’ zur Tante Jaroška. Was macht sie, wie geht’s ihr? Du hast doch auf’m Gänseplatz in der Pfützn ihre Gänse gseh’n. Gänse wia Dirndl – geh, mach ihr a Freid und lob sie.“
„Ja, Sie einer, Sie!“ rief die Häuslerin, erhob sich von ihrer Arbeit und drohte ihm lachend mit dem Finger. „Sie können einem aber a Freid machen und sagen, was ma’ gern hört. G’fallt Ihnen mei’ Heindl?“
„Wem denn sollt’s net g’fallen? Des g’fallt doch jedem. Weit und breit hat niemand so langhalsige Gäns’ wie Sie. Schon kreuzen s’ daher, obwoi s’ no schnattern wie Gössel. Die Schwingen streifen am Boden, die Brüst’ rund, und wann s’ mit de Flügl schlag’n, pfeift’s in de Ohr’n und der Staub steigt auf wia im Sturm. So an Gänsehof, den müss’ ma’ suchen!“
„Na ja, i schau a guat drauf,“ prahlte Jarošíková. „I denk, bis Jakobi gibt mir der Gänsekrämer scho’ a Gulden für’s Stück.“
„Panimamo, hör’n S’ auf mei’ Rat: Verkaufen S’ heuer net,“ senkte Aron die Stimme ins Vertrauen. „Behalten S’ des ganze Heindl, und Sie machen a G’schäft. So wahr der Herrgott über mir is – Sie mach’n a G’schäft.“
„Seid’s narrisch, Hušedla?“ stemmte die Bäuerin die Hände in die Seiten, erstaunt über seine Rede. „Wissen S’, wia vüa zwanzig Gäns’ fress’n? Wie soll i s’ durchbring’n, wann d’ Weid’ zua geht? Schon jetzt schummel i bei de Henn’, beim Schweinderl und bei da Kuah, bloß dass i d’ Gäns’ aus’m Hof bring’ und a paar Gulden auf der Hand hab’. Mehr als für Nachzucht kann i mir net behalt’n.“
„I weiß, Jarošíková, i weiß alles. Aber trotzdem rat i Ihnen: Verkaufen S’ net, bis s’ zweimal g’rupft san. Und hab i Ihnen je schlecht g’rat’n? Brauch’n S’ Geld? Für wos? Wollen S’ de Maderl Schuh kauf’n, den Buben Hütl, für Sie an Schurz, für’n Mann an Seidentuch? Guat! Da such’n S’ sich hier Schals und Schürzn, Bänder und Spitzen aus, wia S’ mögen.“
„Wo sollt i denn jetzt im Frühjahr Geld hernehm’n?“
„Frag i nach Geld? Will i Geld von Ihnen? Wer hat g’sagt, dass S’ Geld brauch’n? Sie zahl’n mit Korn, mit Lein’, mit Butter, Eiern – wos S’ woll’n. Aber mir zahl’n S’ mit Federn. I will nix anders, i nehm’ nix anders als Federn.“
„Federn verkauf i net, i hab doch Maderl.“
„Aber heuer verkauf’n S’. So guat hat’s nie g’zahl’t, und so guat zahlt’s nimmer bis ans End’. I gib fünf Gulden, a ganze Fünferl für’s Pfund,“ hob Aron fünf Finger der überraschten Bäuerin entgegen. „Da schau’n S’, gell? Hat je wer g’hört, dass ma’ fürs Pfund Federn so a Batzen Geld kriegt? Des rentiert sich doch, die Gäns’ net verkaufen, sondern rupfen und d’ Federn verkaufen.“
Der bärtige Hušedla setzte den Stachel in alle Köpfe der Bäuerinnen und Häuslerinnen, und ehe sie das erste Mal ihre Gänse rupften, hatte er schon ihr ganzes Gefieder nicht nur aufgekauft, sondern auch bezahlt.
Auf dem Hamburger Federmarkt stand Michl Schmidtpeter mit seiner Ware ganz allein. Er stand dort schon viele Jahre fest, fürchtete keine Konkurrenz, aber darum ging es ihm: diesen vorteilhaften Platz seinem Sohn Michl zu sichern, der schon verheiratet war und das Geschäft ebenso verstand wie der Vater.
Je näher der Winter rückte, desto dichter prasselten die Aufträge aus Hamburg herein, und der Vertreter der Firma drängte unablässig auf schnelle Erledigung. Der Vater saß in Wien, der Sohn in Budapest und leitete den Einkauf, und daheim führten die beiden ledigen Schwestern des alten Vondry (wie man ihn im Chodenland nannte) – beide schon alte Frauen, Nanerl und Rézi – den riesigen Federschuppen. Im Erdgeschoss wurde die Ware gewogen, aus den mächtigen Säcken ausgeschüttet und gleich auf langen Tischen sortiert: nach Farbe auf drei gewaltige Haufen – weiß, bunt und schmutzig. Die Sortierer gingen mit dichtem Tuch vor dem Mund, von Federn bedeckt, in einer Staubwolke, die sie wie Nebel einhüllte. Sie rissen Säcke und alte Betten auf, aus denen das Gefieder quoll, auf dem wohl Schwindsüchtige gelegen hatten, an Typhus oder Pocken Erkrankte gestorben waren – die gefährlichsten Keime aller Krankheiten wirbelten hier durch die Luft. Und Nanerl stand da wie ein General, das Notizbuch in der Hand, seit Jahren schon, und nie hatte sie sich eine Ansteckung geholt.
Eine Etage höher, auf dem weiten, luftigen Boden, wurde unablässig gewaschenes, weißes Gefieder von geschlachteten oder verendeten Gänsen und Enten getrocknet und durchgesiebt. Junge kräftige Frauen schüttelten die Siebe, schlugen mit Stöcken, und das lockere Federkleid wuchs auf gewaltigen Haufen wie mächtige Schneeverwehungen.
Noch eine Etage höher, direkt unterm Schindeldach der Federnscheuer, saß man vom Morgengrauen bis zur Abenddämmerung, zwölf, vierzehn, sechzehn Stunden lang, mit einer halben Stunde Mittagspause – und rupfte Federn. Eine seltsame Mischung von Menschen: Mütter mit kleinen Kindern, gebrechliche Alte, allerlei Krüppel, Taubstumme, stille Irre und Kretins beugten sich über die Federhaufen, ihre Finger flogen nur so, und es klang dieses eigentümliche trockene Knistern, wie wenn Samen in Schoten hart geworden sind. All dieses Rascheln erfüllte das Dach, und geschickt trennten sie das feine Untergefieder, das leichte Flaum- und das elastische Fadenfederchen vom groben der Flügel und Schwänze. Hier kommandierte Rézi. Sie überwachte die Arbeit, zahlte den Rupferinnen nach Gewicht des gezupften Gefieders und schickte die fertige, sorgfältig sortierte Ware in den Speicher, wo Käufer und Fuhrleute schon ungeduldig warteten.
Neuern und Umgebung bildeten damals das Zentrum des europäischen Federnhandels, und der Hirschauer Schmidtpeter stand zwei Generationen lang an seiner Spitze. Die Erinnerung an diese harten Bauern und Händler in einer Person lebt in unserem Lande bis heute. Ein Altenteiler Skřivánek sagte mir einst: »Merk dir, Bua: in Klentsch hamma an Glaskirch’n, in Kouta a Holzkirch’n, oba in Hirschau – do ham’s a Kirch’n, a Pfarrhaus und a Kloster baut – ois aus Federn.« 2)
Dem alten Vondra Schmidtpeter dröhnte der Kopf. Das Geld strömte ihm in seine eisernen Truhen, Hamburg zahlte jeden Preis, den er nannte, und darum wollte er die günstige Gelegenheit nutzen, von der er wusste, dass sie sich so bald nicht wiederbot. Er plünderte seine Lager in Frankfurt am Main, vernachlässigte Belgien und Holland, schob dortige Bestellungen auf, nur um alle vom Brand Geschädigten im Welthafen zu befriedigen. Sein Geschäftssinn sagte ihm, dass er, wenn er jetzt Tüchtigkeit und Fähigkeit bewies, nicht den europäischen, sondern den Weltmarkt erobern würde und seine Federn bald von Hamburg nach Amerika, England, Norwegen und Schweden gingen. Immer wenn ihm dieses verlockende Bild erschien, schloss er die Augen, und obwohl er selbst schon ermüdet war von ständiger Reiserei, trieb er Sohn Michl und seine beiden Schwestern mit aller Kraft, und diese achteten wiederum, dass ihnen kein Federchen entging. Sie hetzten ihre Agenten, erhöhten deren Gewinnanteil und nahmen immer neue Kräfte hinzu.
Für die Schmidtpeters wurde nicht nur in ihrer Federnscheuer gerupft, sondern auch daheim – sogar nach Gewicht. Und die strenge Rézi drückte beide Augen zu, wenn man ihr am Samstag Federn brachte, in denen sie schon am Griff den beigemischten Gips erkannte, damit es schwerer wog, mehr „Kiele“ enthielt, als es dem Verhältnis entsprach. Sie machte keine Abzüge, auch nicht bei den Zwischenhändlern, die Federn feucht anlieferten, nur damit sie mehr wogen.
Unter solchen Umständen saß freilich auch der Ronsperger Hušedla fest im Sattel.
Dreimal schon hatten die Bäuerinnen ihre Gänseherden gerupft, und die Gänsehändler konnten sie dennoch nicht kaufen. Der Possigkauer Makas, den man „Husar“ nannte, weil er die Gänse für die Händler aufkaufte, fluchte wie ein Heide, denn er konnte nicht einmal einen Gänsefuß erwerben, obwohl er den Preis schon um einen Sechser pro Stück erhöht hatte.
„Wann i’s no amoi rupf’,“ wiesen ihn die Hausfrauen überall ab, „hab i’s Federn eh scho’ dem Hušedla verkauft, und dem muass i’s geb’n – der hockt mir auf’m Buckel wia d’Frostschauer.“
Und sie logen nicht. Aron versuchte zu greifen, was er nur konnte, und grämte sich nur heimlich, dass er bloß ein Aufkäufer bleiben musste, sich mit der gesammelten Milch begnügen und nicht die Sahne abschöpfen durfte, den Rahm aus dem Kessel, den Schmidtpeter mit beiden Händen festhielt.
„Na, Panimamo, i hab da noch zwoa Pfund Federn – wann kriag i’s denn? Hä?“ drängte er die Bäuerin Jarošíková gleich nach Michaeli.
„Aber Hušedla, hab’n S’ doch a bisserl Verstand! Sechs Pfund hab’n S’ eh scho’ g’holt, und jetzt müass’n S’ halt wart’n, bis i die Gäns’ im Winter zum letztn Moi rupf’.“
„Guat, i wart’; aber nachher zahlt ma’ nimmer so. Wollen S’ mir etwa an Schaden mach’n?“
„Das will i net, Gott behüt’ mi.“
„Also, Jarošíková, Sie san a ehrliche Frau, i schätz’ Sie. I lass’ die Federn bei Ihnen, komm im Winter und hol sie ab – aber dafür rupfen S’ mir’s.“
„Seid’s narrisch, Hušedla? Zwoa Pfund Federn rupfen – und no gratis?“
„Ja mei, im Winter san d’ Abende lang, was hab’n S’ denn z’tun?“
„Dass Ihna net d’ Goschn wehtut! Hätt i vier Händ’, für jede find i Arbeit. Wer spinnt ma’ Lein’ und Werg? Wer näht den Kindern d’ Hemderl und flickt d’ Strümpf? Mir ham no net amoi ausgedroschn und g’sät. Im Winter muaß ma’ d’ Saat sortiern, dass’s im Frühjahr taugt. Da gibt’s gnua Arbeit, und Sie red’n, als könnt i Ihnen so nebenbei zwoa Pfund Federn rupfen. Mir rupfen eh nur am Samstag.“
„Etwas für etwas, nix für nix,“ wendete sich Aron. „Damit S’ aber seh’n, dass i a Herz hab’, geb i Ihnen a Salup, a schöner Schal aus da Fabrik in Neugedein, fünf Gulden is’ der wert.“
„Salup, sagn S’?“, überlegte die Bäuerin. In ihr stieg die heimliche Sehnsucht nach so einem bunten Wolltuch auf, wie sie es letzte Woche in der Kirche bei der Bäuerin Polcarka gesehen hatte.
Aron durchschaute die Frau bis in die verborgensten Winkel ihrer Seele und fuhr fort: „Grad so a Salup, wie i der Polcarka bracht hab’.“
„Für so an Salup würd i mit den Kindern die Federn rupfen,“ versprach Jarošíková langsam, fast widerwillig.
„Bis Weihnachten, Panimamo, bis Weihnachten muaß i’s hab’n.“
„Bis Weihnachten, sagn S’? Ja freilich! Bis Weihnachten – des is’ no a Vierteljahr – des rupfen ma’ Ihnen schon,“ lächelte die Bäuerin und fühlte sich schon gar nimmer so sehr als Opfer. Sie begleitete den Hušedla bis vors Tor und meinte, sie hätte im Lotto den Haupttreffer gezogen.
Zur Klentscher Kirchweih und Kirmes, am Sonntag nach Martini, stolzierte sie dann wirklich unter dem neuen Salup, als sie zur Frühmesse ging. Nur nagte der Gedanke, dass die zwei Pfund ungerupfter Federn noch immer auf dem Speicher über der Stange hingen und sie sie nicht angerührt hatte. Das verdüsterte ihre Freude und ihre Festtagsstimmung.
„Gleich nach der Kirchweih fang i an,“ nahm sie sich fest vor – und sie log nicht.
Der alte Aron saß in der Judengasse von Ronsperg in seinem stinkenden Lädchen. Die Brille auf der Nase, blätterte er in seinem abgeschabten Notizbuch. Niemand außer ihm hätte die Zeichen entziffern können, denn er führte sein einziges Handelsbuch in hebräischen Lettern und deutscher Sprache. Langsam schlug er Blatt um Blatt um, schrieb da und dort etwas hinzu, strich eine Zeile durch, kratzte sich hinter dem Ohr, strich sich über seinen prophetischen Bart, schnalzte zufrieden mit der Zunge oder seufzte tief.
Drei Tage schon betrieb er diese wichtige Arbeit, denn drei Tage hielt ihn ein solches Wetter gefangen, dass Aron keinen Hund vor die Tür gejagt hätte, geschweige denn sich selbst mit dem Ranzen über der Schulter aufs Feld gewagt hätte. Damit er nicht müßig war, machte er seine einfache Handelsbilanz, rechnete Verlust und Gewinn, erinnerte sich an alle Schuldner, die er noch vor dem neuen Jahr aufsuchen musste.
Sein altes Herz erfreute sich, als er feststellte, dass in diesem Jahr die dankbarste Handelsware doch die Federn gewesen waren. Zweimal hatte er daran verdient, denn er zahlte nicht bar, sondern tauschte gegen andere Waren. Während ihm Rosa aus Hirschau dafür blanke Silbertaler in die Hand legte. Einen hübschen Haufen hatte er schon, und noch ein Säcklein würde er bekommen, wenn sie das gerupfte Gefieder ablieferte. Federn von lebenden, gut gefütterten Gänsen – erste Ware! Schneeweißes Gefieder, Staubflaum, ehrlich, neu und ungedrückt – lauter solches, wie es die Jarošíková in Klentsch hatte.
Das Wasser lief ihm im Mund zusammen, und ungeduldig blickte er durch das beschlagene Fenster auf die schmutzige Gasse, wo der feine Schnee unaufhörlich wie Mehl in der Mühle wirbelte.
Nichts währt ewig, auch das Schneegestöber nicht. Aron erlebte, dass es im Advent schließlich aufklarte, die Wege ausgetreten wurden und der jüdische Monat »Kislev« mit dem Fest »Tafóta«3) schnell herannahte. Hušedla, als frommer Jude, gab Gott, was Gottes war, und wollte bis zu diesem »Lichterfest« mit allen weltlichen Sorgen fertig sein.
»Geh net, Aron,« bat ihn am Morgen seine treue Frau Judit, als sie sah, wie er nach dem Stock griff und das große Federsackl unter dem Arm zusammenrollte. »Wart’, bis unser Sohn Jakob heimkommt, schick ihn in die Dörfer. Du bist kein Jüngling mehr, trifft dich ein Unglück, machst uns die Feiertage kaputt.«
Doch Aron war nicht zu halten. In seinem ganzen Körper fühlte er die unbändige Sehnsucht, das begonnene Geschäft selbst zu vollenden, um dem Sohn zu zeigen, wieviel er verdient hatte – und vielleicht, vielleicht den jungen Mann zu beschämen, der sich auch so kühn in alles stürzte …
Diese starke Sehnsucht trieb ihn aus dem Haus, führte ihn über Wilkanau und Kramolin nach Mlýnec und von dort nach Possigkau. Überall hielt er an, mahnte jemanden, trieb etwas ein, der Sack auf seinem Rücken blähte sich mehr und mehr. Insgesamt war es ihm bisher sehr gut ergangen. Sogar ein Pfund Federn hatte er kaufen können, an das er gar nicht gedacht hatte. Schon dunkelte es, als er sich Possigkau näherte. Im Dezember ist der Tag kurz, mehr Nacht als Licht. Heute aber verdunkelte sich der Himmel nicht nur durch das Wintergrau des Abends, sondern auch durch eine Wolke, die sich unbemerkt aus Hanzlíčeks Ecke geschoben und schon die halbe Himmelsdecke über Aron, in seiner Pelzmütze, bedeckte.
»Hušedla, bleib heit liaba do, geh heit nimma nach Klentsch,« riet ihm gut der Possigkauer Kalíšek.
»Warum sollt i net geh’n?« blieb Aron verwundert auf Hojdas Hof stehen. »Weil’s finster wird? Oder weil a Schneefall kimmt? Bind ma’ d’Augen zua, und i find blindlings nach Klentsch, in jedes Haus, wo’s mi hinschick’n.«
»Da kimmt a Sturm, d’Wälder braus’n scho’. Bleib über Nacht bei uns,« riet der Nachbar.
»In Klentsch bleib i. Dort geh i no schnell hin. Abends schau i bei de Weiber vorbei, morg’n nehm i an Fuhrmann mit’m Schlitten und fahr nach Hirschau,« entgegnete Aron störrisch und machte sich durch den Hinterhof auf den Weg nach Klentsch.
Hinter den Scheunen heulte der Wind schon wie ein angeketteter Hund, aber es war noch erträglich. Als er jedoch auf die Meziloučky kam, wirbelte es ihn fast herum, nur mit Mühe hielt er die Richtung. Auf den Vorderbergen konnte er die Augen kaum offenhalten, und wie er zu den Lavky hinunterkam, wusste er selbst nicht. Bis zu den Knien stapfte er im Schnee, zeitweise bis zur Hüfte, finster wie in einem Sack, und ringsum summte, pfiff und heulte das Schneetreiben wie ein wimmelnder Schwarm Wespen.
»Weigrl, Weigrl!« stöhnte Hušedla. Mit der erfrorenen Hand packte er das Ende des Sackes über seiner Schulter, den wohl zehn Pfund Federn blähten, mit der anderen stützte er sich auf den Stock, strengte Auge und Ohr an – sah er kein Licht, hörte er kein Bellen, kein Glockenschlag, kein Menschen- oder Tierlaut.
»Weit weg von Klentsch kann i net sei, a paar Schritt muaß i no hab’n. Gleich müass i in d’ Zwetschgenbäum’ vom Müller kommen, und die führ’n mi g’rad in d’Gass’n zum Mühlhaus,« murmelte der müde, verschwitzte Aron. Mit diesem Gedanken stählte er sich zu neuem Kampf mit dem entfesselten Element: »Du hättst auf dei g’scheite Frau hör’n soll’n! Du hättst net auf d’Reis’ geh’n soll’n! Verirrst di, bist verloren. D’Kraft verläßt di, fällst hin, erfrierst, stirbst, du gehst mit Sack und Federn im Schnee unter – und niemand findet di, bis im Frühjahr der Schnee schmilzt.«
Wie ein Sporn den müden Gaul sticht, so spannte der Alte den letzten Rest seiner Kräfte, schleppte sich noch ein Stück, blieb stehen, horchte – und rief freudig: »Hoschijanna! Chag!«4) Denn in diesem Augenblick schlug unter ihm ein Hund heftig an, ein erleuchtetes Fenster schimmerte im Dunkel, der scharfe Geruch von ersticktem Rauch wehte ihn an. Gierig machte Aron einen Schritt vorwärts – und fühlte schon, wie ihm der Boden unter den Füßen wich, er in eine Tiefe stürzte, irgendwo zwischen Himmel und Erde hing, in Zangen gepresst – und verlor das Bewusstsein.
— »Um der fünf Wunden Christi willen, was is’n los?« sprang Jarošík von der Schindelbank auf, wo er ruhig Schindeln schnitzte, als im schwarzen Herdraum der Kalk und die Ziegel zu Boden rieselten, als im Kamin fürchterliches Krachen ertönte und aller Rauch aus dem Ofen durch die Ritzen in die Stube drang.
»Der Kamin! Unser Kamin is’ umg’fall’n! Sicher hat die Melusine’n umghaut,« jammerte die Bäuerin, und die erschrockenen Kinder brachen in Weinen aus, während sie mit der Mutter die letzten Federn für den Juden Hušedla aus Ronsperg rupften.
Da griff Jarošík schon zum Span, sprang zum Herd, steckte das frische Holzspänlein an und leuchtete in den Kamin. Nichts sah er, denn der erstickende Rauch erfüllte wie eine Wolke die ganze Küche; aber er hörte, wie im Kamin etwas schnaufte und röchelte, stöhnte und nach Luft rang, so dass ein anderer als der rechte Jarošík, der die Napoleonischen Kriege durchgestanden hatte, vor Schreck gewiss erstarrt wäre. Fürchten tat er sich nicht, auch darum nicht, weil die neugierige Frau ihm dicht auf den Fersen war, und wie sie das Röcheln und Schnaufen hörte, rief sie gleich: „Des is a Rehbock, bestimmt a Rehbock is uns in’n Kamin g’falln, wia vor zwei Jahr’n beim Jalovec. Wart, i hol vom Boden a Leiterl, steigst nauf und pack ma’s z’samm!“
Kaum hatte sie es ausgesprochen, da rasselte es ihnen schon wieder überm Kopf. Schwer von Rauch umhüllt stürzte etwas hinab, schlug auf dem Haufen Ruß und Asche auf – und als Jarošík hinleuchtete, schrie er entsetzt: „Ja sakra, des is a Mensch! Hilf ma’, trag’n ma’’n raus an d’ frische Luft, dass er wieder zua sich kimmt!“
Nur wenige Augenblicke rieben und wuschen sie den Unglücklichen, da setzte er sich schon selbst auf die Fliesen der Diele und rief mit letzter Kraft: „Federn! Wo san mei’ Federn?“
„Seid’s denn Ihr, Hušedla?“ schlug die Bäuerin die Hände zusammen, die ihn an der Stimme erkannt hatte. „Um Gottes willen, wo kummt’s denn her? Was treibts Euch so spat noch doher?“
„Alles sag i Eich – aber sogn’s mir z’erst: wo san mei’ Federn?“
„Na, die steck’n halt im Kamin!“ lachte der Bauer, packte den Schürhaken, der samt dem Besen beim Herd stand. Er stieß ihn in den Kamin, stemmte sich dagegen – und schon schossen ihm beide Arme in die Höh’, und auch der Rauch zog hastig empor und verlor sich in der Höhe.
Am Boden saß und hustete Aron. Erschöpft und entkräftet hatte er nicht mehr die Kraft, auf den Beinen zu stehen. Man musste ihn in die Stube tragen, ins Bett legen; Jarošíková kochte ihm einen Becher Holundertee, und ihr Mann eilte am nächsten Tag nach Ronsperg, um der Aronin zu berichten, was ihrem Manne widerfahren war. Sie kam mit dem Wägelchen, holte ihn samt dem geschwärzten Federsack ab – und von jener Stunde an hat Klentsch den Hušedla nicht mehr gesehen.
An diese vertrackte Geschichte erinnerte ich mich, als ich im Jahre 1924 in der Hirschauer Kirche stand, über dem Stein, unter dem seit 1844 Andreas Schmidtpeter ruht, und als ich dann im Pfarrhof sein auf Leinwand gemaltes Bildnis erblickte und die eiserne Geldtruhe mit kunstvollem Schloss und Schlüssel bewunderte, die ihn auf all seinen Handelsreisen begleitet hatte.
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